Europameisterschaft Offida
Unglaublich!
Zur EM In Offida bin ich mit einer minimalen Erwartungshaltung angereist. Als ich drei Wochen vorher mit Bundestrainer Patrick Moster redete, signalisierte mir dieser, dass es eher schwer für mich werden würde einen der sieben Startplätze zu bekommen. Ich merkte jedoch in den drei Wochen vor der EM immer deutlicher wie die Form kam. Deshalb bettelte ich Moster förmlich an und versicherte ihm entweder fit zu sein, oder rechtzeitig Bescheid zu geben, falls ich nicht in Form sein sollte. Als er mir dann zwei Wochen vorher das OK gab war ich total happy!
Mit viel Training und vergleichsweise wenigen Wettkämpfen bereitete ich mich vor. Auch als wir eine Woche vor dem Rennen in Offida bei 40 Grad Ortstemperatur ankamen, zog ich mein Training durch. Ich reduzierte zwar aufgrund der extremen Bedingungen ein wenig die Umfänge, wusste jedoch wenn ich unter der Woche mir nicht „richtig einen in den Schuh fahre“, ich am Wochenende Puddingbeine haben werde. Mein vieles Training bei den extremen Bedingungen stieß bei den anderen und bei Bundestrainer Moster eher auf Unverständnis. Mir war‘s egal ich zog mein Ding durch und im Nachhinein war’s genau das Richtige!
Das Rennen begann sehr schnell! 167 Fahrer machten sich bei 36 Grad im Schatten auf, die 164 Kilometer und insgesamt gut 4000 Höhenmeter zu absolvieren. Nach drei Runden bildete sich eine erste Spitzengruppe. Mit dabei zwei Franzosen, der Sieger der Toskana Rundfahrt, Georg Preidler, ein Italiener und noch davor, der vierte des Baby Giros, Fabio Aru. Diese Gruppe war natürlich brandgefährlich und ohne Deutsche Besetzung ein „großes Problem“. Hinten im Feld wurden dann die folgenden Runden vergleichsweise langsam gefahren und die Nationen warteten darauf, dass sich eine verantwortlich fühlt. Nach sechs gefahrenen Runden begannen dann die Slowenen und die Belgier mit der Nachführarbeit. Komischerweise musste einer der stärksten Bergfahrer, Tim Wellens (Gewinner des Bergtrikots der Toskana Rundfahrt) bei den Belgiern die Arbeit verrichten. Scheinbar setzten die Belgier auf ihre schnellen Männer Stuyven und de Bie. (Sieger von Lüttich-Bastogne-Lüttich)
In der siebten Runde kam Michel Koch dann zu mir und sprach mir nocheinmal Mut zu, in dem er sagte er glaube dass ich das heute schon machen werde und fragte mich ob er noch einmal etwas arbeiten solle. Ich sagte ihm etwas zaghaft, er solle schauen, dass es nicht zu langsam wird vorne. Michel als erfahrener Rennfahrer, verstand natürlich sofort was zu tun war und spannte sich vor das Feld, sodass wir am Fuße des Berges in der achten Runde einen kaputten Michel und 25 Sekunden auf die Spitze, hatten. Jetzt wurde es auch richtig schnell. Das Feld war nach dem Berg auf rund 60 Fahrer geschrumpft und in der nächsten Runde am Berg um weitere 30 Fahrer kleiner. In der zehnten Runde attackierte dann der Franzose Axel Domont, Zweiter des Giro delle Friuli und erstellte damit eine sechs Mann Spitzengruppe. 500 Meter vor der Kuppe des Berges hatte die Gruppe etwa 15 bis 20 Sekunden Vorsprung. Ich gab nochmal alles und sprang mit einer enormen Kraftleistung alleine an die Gruppe dran. Auf den folgenden 10 Kilometern schafften noch der Norweger Laengen Sieger des Friulis 2010 und der Portugiese Goncales den Sprung in die Gruppe.
Ich pokerte in der Gruppe, ließ immerwieder andere vor mir rein, weil ich wusste, selbst wenn wir wieder eingeholt werden vor dem letzten Mal bergauf, hätte ich die Beine um erneut vorne raus zu fahren. Zudem waren in der 9 Mann Gruppe die Nationen Frankreich, Italien und Weißrussland jeweils doppelt vertreten. Eingangs des Berges in der letzten Runde attackierte dann der Italiener Mattia Cattaneo und ein Ukrainer sowie die beiden Weißrussen sprangen ihm hinterher. Ich wartete, wie ich es zuvor schon getan hatte, bis die Gruppe auf etwas Distanz war und attackierte dann mit aller Kraft, sodass ich wieder oben an der Kuppe des Berges an der Gruppe dran war. Wie schon zuvor wies ich jegliche Intention Führungsarbeit in der Gruppe zu leisten von mir ab und ließ die zwei Weißrussen die Geschicke der Gruppe leiten. Der Italiener Cattaneo war 3000 Meter vor Ziel immernoch auf etwa 15 Sekunden vor uns, doch jetzt opferte sich einer der beiden Weißrussen für seinen Landsmann. 2000 Meter vor Ziel hatten wir Cattaneo eingeholt und der Ukrainer Topchanyok aus dem Nachwuchsteam von Lampre attackierte. Einer der Weißrussen sprang hinterher und zog die übrigen drei wieder dran. Danach attackierte der andere Weißrusse und der Italiener fuhr das Loch wieder zu. Ich spührte wie den anderen vier die Kraft ausging und wartete kurz ab, um dann an der 500 Meter Marke einen langen, kraftvollen Sprint mit einer Attacke zu eröffnen. Nur einer der Weißrussen konnte mir folgen und fuhr bei 300 an mir vorbei. Ich wusste genau wie lange es noch ins Ziel war, klemmte mich kurz in dessen Windschatten und fuhr dann erst meinen richtigen Sprint. Problemlos kam ich noch einmal am Weißrussen vorbei und vergass beinahe - ich siege ja leider nicht so häufig – meine Arme in die Höhe zu reissen…
Das Erlebnis, dass ich bei dieser Europameisterschaft hatte, einfach die Kraft zu haben ganz vorne dabei zu sein, machte mir das erste Mal in meinem Leben richtig deutlich, dass Radsport auf höchstem Level auch ohne verbotene Mittel möglich ist! Dieser Sieg von mir ist, bei aller Bescheidenheit, nicht auf Glück zurück zu führen. Was Verbotene Substanzen zur Leistungssteigerung angeht, vertrete ich eine rigorose, absolut intolerante Meinung! Wer mich kennt, weiß dass ich den Radsport zwar gerne mache, ihn jedoch auch als teilweise Zäh und Monoton empfinde. Zwar gibt dies nicht jeder Radprofi zu, doch dieses Leben ist nicht nur schön. Deshalb würde ich auf gar keinen Fall mit allen Mitteln eine Karriere im Radsport zu erreichen. Meine Einstellung war und ist nachwievor; Ein Leben als Radprofi ist ein absolutes Privileg mit vielen schönen Erlebnissen, jedoch keinesfalls einen inneren moralischen Konflikt und den Betrug Anderer und sich selbst wert!